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Ausbeutung am "Längengrad"
Wir kennen "unsere" örtlichen Politiker in Bremerhaven als Menschen, die sich unermüdlich für das Wohl der "Seestadt" einsetzen. Allen voran der beliebte und volksnahe Oberbürgermeister Jörg Schulz (SPD), der sich gerne als "oberster Wirtschaftsförderer" feieren läßt. Oder Bürgermeister und Kämmerer Michael Teiser sowie Baustadtrat Volker Holm (beide CDU) - auch diese zwei Vollblutpolitiker arbeiten Tag und Nacht zum Wohle der Stadt und ihrer Einwohner.
Sattsam bekannt sind noch die Jubelgesänge aus dem Munde des OB vor zwei Jahren: "Bremerhaven erfindet sich neu!" Ein besonderes Schmuckstück sollte das "Mediterraneo" werden. Dieses etwas groß geratene Gebäude heißt offiziell "Am Längengrad 12", was üblicher Bremerhavener Schwachsinn ist, denn es gibt auf unserem Erdball wohl kein Gebäude, durch das man nicht einen Längengrad ziehen könnte.
Es handelt sich um ein Einkaufszentrum, das Einkaufsmöglichkeiten im Mittelmeerraum nachempfunden ist. Vom Angebot unterscheidet es kaum von den Angeboten in der "Oberen Bürger": Schuhe, Bekleidung, eine Fischgaststätte, ein Anbieter von Mobilfunkverträgen - "unsere" Stadtoberhäupter überschlugen sich vor Begeisterung. Lediglich die NPD kritisierte diesen "Kitsch am Weserdeich". Doch berechtigte Kritik
wischt Schulz stets als "Miesmacherei" vom Tisch. Allen Ernstes erklärte man diese Ansammlung (zugegebenermaßen gehobener) Fach-
geschäfte als "Touristenattraktion". Und als solche durfte das Mediterraneo auch sonntags geöffnet bleiben, da ja "Touristen" von weit her nur nach Bremerhaven reisen, um ein paar Schuhe, einen Mobiltelefonvertrag und ein T-Hemd zu erwerben. Auch die Bremerhavener fanden dieses Angebot gut: so mußte man zum Schneiden der Haare nicht mehr, wie sonst üblich, nach Italien fahren, denn der Essanelle - Salon hat auch sonntags geöffnet. Auch ein Optiker bietet seine Dienste an, was sehr sinnvoll ist: unzählige Menschen haben sonntags das Bedürfnis nach einer neuen Brille (ein Bedürfnis, das man an anderen Wochentagen nicht befriedigen kann!)
Wer den Schwachsinn von der "Touristenattraktion" nicht glaubte, dem hielt Schulz die größte Trumpfkarte entgegen: Arbeitsplätze!
Der Investor "AVW" versprach 260 Arbeitsplätze, darunter rund 80 "Vollzeitjobs". Bei diesem Argument verstummten auch die miesmacherischsten Kritiker.
Doch in Bremerhaven gilt immer noch: je vollmundiger Versprechen gemacht werden, desto weniger werden sie gehalten. Selbst das "Sonntagsjournal" (ein Anzeigenblatt der Monopol-Zeitung "Nordsee-Zeitung") hat den Arbeitsplatzbetrug erkannt und berichtete darüber unter der Überschrift: "Viel versprochen - wenig gehalten". Diesem Beitrag kann der (nicht so erstaunte) Leser entnehmen, daß man "die Vollzeitplätze
höchstens an zwei Händen abzählen kann". Wir Nationaldemokraten wundern uns nicht darüber. Denn oft haben wir beobachtet, daß
in zahlreichen Läden nur eine Person steht, die im kapitalistischen Wirtschaftsdeutsch als "400 Euro - Jobber" bezeichnet wird.
Was machen diese armen Menschen eigentlich, wenn sie ein menschliches Bedürfnis haben und ihre Notdurft verrichten müssen?
Den Laden dürfen sie ja nicht verlassen.
Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann will es keiner gewesen sein. Und plötzlich überschlagen sich die kritischen Stimmen
der Politiker, die vorher nicht laut genug im Jubelchor das Loblied auf das "Mediterraneo" singen konnten.
Von der Operettengewerkschaft "ver.di" meldet sich Bernd Hering, der jedem Ladeninhaber einen Orden verleihen wolle, falls
dieser Beschäftigte nach Tarif bezahle: von 6 Euro "Lohn" in der Stunde ist die Rede. Zwar gehörte diese Gewerkschaft nicht zu
den "Jubelpersern" des Mediterraneo; sie muß sich hingegen vorwerfen lassen, daß sie durch ständige Förderung von Zuwanderern
den Spiegel der Löhne kräftig nach unten gedrückt hat.
SPD - Vorsitzender Siegfried Breuer sei auch "nicht glücklich" über die Vorgänge am Längengrad 12. Er "versprach" jedoch, das
alles mit dem Arbeitssenator in Bremen zu besprechen. Paul Bödeker (CDU) stellt einen Zusammenhang zwischen der Erlaubnis
der Sonntagsöffnung und "fairen Löhnen" her. Hört sich gut an, ist für die Beschäftigten jedoch wirkungslos.
Jetzt wissen wir, was es bedeutet, wenn gesagt wird: "Parteien machen Druck" (Zitat Sonntagsjournal). Auf diese Parteien können
sich die Beschäftigten nicht verlassen.
OB Schulz hat sich noch nicht zu Wort gemeldet. Aber sein Ausspruch ist bekannt: "Das ist eine Entscheidung der Wirtschaft!"
Die wenigen Beschäftigten "Am Längengrad 12" werden von den etablierten Parteien - wie so oft - allein gelassen. Sie werden
ausgebeutet, und dieser Mißstand soll dann im Senat "beredet werden". Vielleicht bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen.
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